Ein männliches Braunkehlchen in der Landgrabenniederung. Foto: O. Olejnik
Wiesen- und Feldvögel, also Arten, die mit unserer Agrarlandschaft eng verbunden sind, haben in den letzten vier Jahrzehnten viel an Boden verloren. Manche früher noch als Allerweltsarten bekannte Vögel findet man heute kaum noch in der Feldmark, einige von ihnen sind mittlerweile völlig verschwunden. Ein Kandidat, dem dieses Schicksal in naher Zukunft bevorstehen könnte, ist das Braunkehlchen. Vor einem halben Jahrhundert war dieser bunte Wiesenvogel noch in ganz Niedersachsen zu finden und in manchen Regionen geradezu eine charakteristische Erscheinung. Heute findet man ihn vor allem noch im Nordosten des Landes, besonders im Elbtal der Kreise Lüneburg und Lüchow- Dannenberg. Braunkehlchen konnten sich lange Zeit mit der Landwirtschaft arrangieren, doch im Zuge der Intensivierung ihrer Methoden und dem zunehmenden Druck auf die Fläche ist der Vogel heute fast vollständig auf die Hilfestellung des Vertragsnaturschutzes angewiesen.
Die etwa meisengroßen Braunkehlchen sind Zugvögel, die als Langstreckenzieher südlich der Sahara überwintern. Sie kommen erst relativ spät, ab frühestens Mitte April, in ihre Sommerlebensräume zurück. Hier leben die Vögel vor allem in artenreichen, weitgehend offenen Wiesen, auf Brachen und in Saumstrukturen. Mit dem Nestbau wird in der Regel ab Anfang Mai begonnen, ab Juni erreichen die ersten Jungvögel ihre Flugfähigkeit. Der Großteil der Jungen wird im Laufe des Juni flügge, am Ende der ersten Juliwoche haben dann etwa 85% des Nachwuchses diesen Zustand erreicht.
Das Hauptproblem der Braunkehlchen liegt darin, dass ihre Fortpflanzungsperiode genau in die Zeit der Grünlandbewirtschaftung sowie der Unterhaltung von Entwässerungsgräben fällt. Die Verhältnisse waren in früherer Zeit vielleicht ähnlich, jedoch sicher weniger intensiv! Zudem gab es noch viel mehr Wiesen und Weiden, als dies heute der Fall ist - denn diese wurden aus wirtschaftlichen Gründen häufig zu Acker umgewandelt. Auf den verbliebenen Flächen wurde der Druck auf die Braunkehlchen im Laufe der Zeit immer stärker- nicht nur durch die Landwirtschaft. Nicht mehr unterhaltene Gräben sind mit den Jahren verbuscht, teilweise haben sich dort Baumhecken entwickelt. Derartige Flächen sind für das weite Sicht benötigende Braunkehlchen nicht mehr geeignet. Hinzu kommt ein neuerlicher Konkurrenzdruck durch Vogelarten wie Schwarzkehlchen und Grauammer, mit denen sich Braunkehlchen nicht immer gut verstehen.
Der kleine Vogel kämpft also mit einer ganzen Reihe von Problemen.
Die Ökologische Station Wendland- Drawehn möchte hier in den nächsten Jahren gezielt gegenlenken, um dem kleinen Wiesenvogel bessere Brut- und Lebensbedingungen zu schaffen. Im Mittelpunkt wird die Erfassung des Vogels und die auf seinen Schutz ausgerichtete Koordination der Bewirtschaftung durch die landwirtschaftlichen Unternehmen stehen. Agrarumweltmaßnahmen sollen auf ihre Wirksamkeit für die Belange des Braunkehlchens überprüft und, wo naturschutzfachlich für das Braunkehlchen sinnvoll und von den Bewirtschaftern gewollt, auch verstärkt angewendet werden.
Die bereits bestehende, gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Naturschutz und Landwirtschaft wird hier als Schlüsselfaktor für eine Weiterentwicklung gesehen.
Zusätzlich sollen im Bereich verschiedener Wiesen in der Landgraben- und Dummeniederung hohe Gehölze an Gräben entnommen werden, um der in den letzten Jahrzehnten zunehmenden Verbuschung entgegenzuwirken und die Landschaft zu öffnen. Diese Maßnahmen könnten nicht nur dem Braunkehlchen, sondern auch dem Wiesenpieper helfen, welcher ebenfalls weitgehend offenes Grünland als Lebensraum benötigt und im Landkreis Lüchow-Dannenberg ebenso vor dem Aussterben steht.