Zweifleck-Männchen inkl. Exuvie (Foto: B. Gülstorf)
Die Gewässer im Wendland könnten klammheimlich um eine echte Naturkrönung reicher geworden sein: Der Zweifleck (Epitheca bimaculata), eine der seltensten und geheimnisvollsten Großlibellen Deutschlands, klopft nicht mehr nur an die Pforten des Wendlands – er hat sich hier höchstwahrscheinlich bereits häuslich eingerichtet.
Lange Zeit galt die Art in Niedersachsen lediglich als seltener "Irrgast" aus den östlichen Kernarealen Mecklenburgs oder Brandenburgs. Doch seit nunmehr drei Jahren verdichten sich die Zeichen. Grund dafür sind keine flüchtigen Sichtungen im Vorbeiflug, sondern: Exuvien.
Das Phantom wird sesshaft: Die Entdeckung im Wendland
Dass eine Libelle irgendwo fliegt, bedeutet biologisch erst einmal wenig – sie kann vom Wind verdriftet worden sein. Wenn Forscher und Ehrenamtliche jedoch über Jahre hinweg systematisch Exuvien – also die verlassenen Larvenhäute nach dem Schlupf – an den immer gleichen Gewässern finden, ändert das alles.
Da die Larven des Zweiflecks zwei bis drei Jahre im schlammigen Gewässergrund leben, bevor sie das Wasser zur Metamorphose verlassen, belegen diese kontinuierlichen Funde eine erfolgreiche, mehrjährige Reproduktion vor Ort. Während im Nordkreis - in der Samtgemeinde Gartow - bereits zuvor mehrere Nachweise gelangen, wurde nun erstmals auch im Südkreis eine Exuvie direkt am Angelteich in Bergen gefunden.
Was macht den Zweifleck so besonders?
Der Zweifleck verdankt seinen Namen zwei charakteristischen, tiefschwarzen Dreiecken an der Basis seiner Hinterflügel. Er gehört zur Familie der Falkenlibellen (Corduliidae), unterscheidet sich von seinen Verwandten jedoch in Biologie und Verhalten drastisch.
1. Das „Phantom“ des offenen Wassers
Wer den Zweifleck als ausgewachsene Libelle (Imago) beobachten will, braucht extrem viel Geduld und ein Fernglas. Die Männchen sind unermüdliche Dauerflieger. Sie patrouillieren fast ausschließlich weit draußen über der offenen Wasserfläche, meist in Höhen von 5 bis 15 Metern. Sie setzen sich so gut wie nie ab.
2. Eine bizarre Fortpflanzungsmethode
Während die meisten Libellen ihre Eier einzeln in Pflanzen stechen oder mühsam ins Wasser tippen, macht es das Zweifleck-Weibchen im großen Stil: Es presst im Flug einen bräunlichen Eiballen aus, der teilweise größer als sein eigener Kopf ist. Mit diesem fliegt es über die freie Wasserfläche und streift ihn an Wasserpflanzen ab. Im Wasser quillt dieser Knäuel zu einer bis zu 50 Zentimeter langen, gallertartigen Laichschnur auf – ein Phänomen, das im europäischen Libellenreich einzigartig ist und eher an den Laich von Erdkröten erinnert.
3. Wanderkünstler beim Schlupf
Wenn die Larven Anfang Mai – meist stark synchronisiert innerhalb weniger Tage – das Wasser verlassen, verhalten sie sich völlig untypisch. Während andere Libellenlarven direkt am Schilfhalm emporklettern, wandert die Larve des Zweiflecks oft 20 bis über 100 Meter weit ins Landesinnere. Sie klettern an ufernahen Bäumen, Sträuchern oder im Unterholz teils mehrere Meter hoch, um dort im Schutz der Blätter zu schlüpfen.
Die kontinuierlichen Exuvien-Funde der letzten drei Jahre zeigen: Das Wendland ist um ein faszinierendes Naturschauspiel reicher. Es ist daher wahrscheinlich, dass der Zweifleck hier kein seltener Gast mehr ist, sondern das Wendland erfolgreich als neuen Lebensraum erobert hat.